Web ist nicht Print – oder warum Sie Ihren Elektriker nicht das Bad umbauen lassen

Stellen Sie sich vor, Sie möchten Ihr Badezimmer renovieren. Vor einiger Zeit haben Sie in Ihrem Flur eine neue Lampe durch einen Elektriker anbringen lassen und mit diesem Handwerker gute Erfahrungen gemacht. Was würde passieren, wenn Sie nun diesen Elektriker fragten, ob er Ihnen das Badezimmer umbaut? Richtig, er würde Sie zu einem Klempner schicken.

Es klingt einleuchtend, dass ein Elektriker diesen Auftrag nicht annehmen wird. Er könnte die Arbeiten gar nicht umsetzen. Er würde auch nicht vorschlagen, dass er für Sie den Badezimmerumbau plant und konzipiert und Sie sich lediglich für die Umsetzung einen Klempner holen müssten.

Was passiert aber, wenn Sie einen Print-Gestalter oder eine klassische Werbeagentur nach einem Internetauftritt fragen? Vermutlich wird man Sie nicht an einen Webdesigner oder eine Internetagentur verweisen. Man wird Ihnen das Rund-um-Sorglos-Paket anbieten: Konzeption, Gestaltung und Produktion der Website. Und hier beginnen unsere Bauchschmerzen.

Das Konzept
Die Erstellung eines Website-Konzepts ist nicht die Ausgestaltung einer Startseite in Photoshop. Das Konzept einer Webseite ist untrennbar mit den technischen Möglichkeiten seiner Umsetzung verbunden und gibt damit nicht nur Antworten auf inhaltliche oder gestalterische Fragen.

Wer nicht alle technischen Möglichkeiten kennt und beurteilen kann, muss konzeptionelle Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Oder – noch schlimmer – aus der persönlichen Erfahrungswelt heraus. Was man woanders mal gesehen hat oder als „gängig“ empfindet, wird dann auch dem Kunden vorgeschlagen. Es klingt hart, aber die Realität sieht so aus: Noch immer entstehen heute Internetauftritte mit Introseiten, eigenem Gästebuch und Kontaktformularen bestehend aus Name und Betreff. Diese Seiten sind weder barrierefrei noch mobil zufriedenstellend nutzbar.

„Webseiten sind Texte, keine Gemälde. Deshalb ist die Grundlage für moderne Seiten ein Umdenken im Erstellungsprozess einer Webseite. Man sollte vom Inhalt, nicht von der Optik, der Präsentation her denken. Zudem sollte man immer im Hinterkopf haben, dass es keine absolute Sicherheit für die Optik einer Webseite gibt.“
http://webkrauts.de/artikel/2006/webseiten-sind-keine-gem%C3%A4lde

Das Design
Web ist nicht Print. Eine Website ist kein DINA4-Blatt. Es ist daher auch nicht ausreichend, Gestaltungen in Form einer DINA4-Seite zu skribbeln, nach unten nicht abzuschließen (weil da ja die DINA4-Seite zu Ende wäre) oder gar ein PDF als fertige Layoutdatei anzulegen.

„Viele Gestalter haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt, haben auf Skizzenblöcken, auf Leinwänden oder auch Bierdeckeln gelernt, Farben und Formen auf verfügbarem Platz in Einklang zu bringen. […] Im Web gibt nicht eine verfügbare Fläche. Es gibt derer annährend unendlich.“
http://www.mademyday.de/web-ist-nicht-print.html#outer_wrap

Das klassische Printdesign hat diesen großen Vorteil. Es gibt eine Seite mit einer bestimmten Größe, die verfügbare Fläche ist bekannt und ändert sich nicht. Im Web muss man sich mit der Tatsache arrangieren, dass die Besucher einer Website völlig unterschiedliche Endgeräte nutzen und der zur Verfügung stehende Platz sehr variabel ist. Webdesigns, die von Print-Gestaltern erstellt werden, können auf diese Herausforderung nicht reagieren. Die Layouts sind dann mit einer festen Pixelbreite versehen. Das ist nur logisch, denn der Wunsch, dass egal wo und wie das exakt gleiche Ergebnis zu sehen sein soll, ist das oberste Prinzip im Print. Das Ergebnis muss reproduzierbar gleich bleiben. Es ist verständlich, dass es schwer fällt, sich von dieser Maßgabe zu trennen. Aber genauso wenig wie man ein DINA0-Poster auf einer Visitenkarte 1:1 abbilden kann, kann kein pixelgenau gestalteter Auftritt auf einem Desktop und einem Smartphone exakt gleich aussehen.

Die Technik
Als Nicht-Experte gibt es bei der Umsetzung eines Internetauftritts, der über wenige Unterseiten mit statischem HTML hinaus geht, grundsätzlich nur die Möglichkeit, die Produktion an einen Webdesigner oder eine Internetagentur auszulagern.

Das führt für die klassische Werbeagentur/den Print-Designer zu erhöhten Kosten. Ein externer Dienstleister wird mit der Umsetzung beauftragt. Der „Programmierer“, wie dann oft der Webproducer genannt wird, soll aber „nur mal eben“ umsetzen, was die klassische Agentur selbst ausgestaltet hat.

Dabei bleiben aber viele Fragen offen: Wie soll der Auftritt im Browser aufgehängt sein, wie soll er skalieren? Wie sieht er auf Smartphones oder Tablets aus? Wie kann mit den vorhandenen Inhalten (Text und Bild) dennoch eine verträgliche Ladezeit für mobile Nutzer erreicht werden? Welche technische Infrastruktur steht zur Verfügung? Wie will der Kunde später selbst den Auftritt pflegen? Einfache Details, die oft vergessen werden: Wie sehen prototypische Folgeseiten aus? Suchergebnisse, Fehlerseiten, Listendarstellungen, Seiten mit viel und wenig Text? Wie sieht ein aktiver Menüpunkt aus, wie ein MouseOver?

Es kommt durch diese Arbeitsaufteilung immer zu einem erhöhten Abstimmungsbedarf. Es müssen unangenehme Rückfragen an den Kunden gestellt werden, die mitunter offenbaren, dass die projektführende Agentur nicht wirklich ein Expertenwissen in diesem Bereich besitzt.

Dann hilft auch der hin und wieder generös angebotene Vorschlag nichts, die Internetagentur könne sich gern bei der Umsetzung nochmal konzeptionell einbringen. Schließlich wird nur die produktionstechnische Umsetzung vergütet.

„Im Zweifelsfall ging dem vermeintlichen Umsetzungsstart bereits ein längerer Gestaltungsprozess mit mehreren Korrekturstufen voraus. Jetzt kommt der Entwickler und hakt nach, zumindest ist es seine Pflicht. Durch diese neuen, vorher nicht einkalkulierten Abstimmungen verzögert sich der Start der Umsetzung, ohne dass dem Kunden klar zu machen ist, warum. Denn er wird sich – vollkommen zurecht – fragen, warum eine solche Kommunkation nicht schon vorher stattgefunden hat.“
http://www.mademyday.de/web-ist-nicht-print.html#outer_wrap

Die Kosten
Aus unserer Sicht ist besonders unglücklich, dass ein Kunde, der sich an einen klassischen Dienstleister wendet, für seinen Internetauftritt mehr bezahlen wird als bei einer direkten Betreuung durch eine Internetagentur. Der Dienstleister muss in seiner Kalkulation die Fremdkosten für die Produktion und Programmierung berücksichtigen. Das Ergebnis, basierend auf dem Konzept und der Gestaltung eines Print-Experten, wird in vielen Fällen nicht vergleichbar mit einem von Webdesignern konzipierten und gestalteten Auftritt sein.

„Dass der Aufwand, den ein Print-Designer leisten müsste […] sehr hoch ist, dürfte offensichtlich sein. […] Besser und kostengünstiger ist es immer noch, ein Webdesign gleich von einem richtigen Webdesigner entwerfen zu lassen, der dann das Print-Design zusammen mit dem Handheld- und Screenreader-Design erstellt.“
http://blog.xwolf.de/2011/01/12/was-print-designer-fur-die-umsetzung-eines-webdesigns-liefern-mussen/

Fazit
Web ist nicht Print. Klassische Werbeagenturen und Print-Designer haben absolut ihre Daseinsberechtigung. In der Zusammenarbeit mit klassischen Agenturen entstehen auch bei uns viele tolle und kreative Ergebnisse. Entscheidend ist die Aufgabenteilung und das Selbstverständnis der Dienstleister. Wenn es gute Print-Layouts gibt, die ein Webdesigner  für seine Arbeit als Vorlage nutzen kann, ist das der optimale Weg.

Wir können übrigens kein Print. Wir erstellen keine Visitenkarten, Flyer oder Broschüren. Aber wir empfehlen Ihnen gern einen unserer Partner für diese Aufgaben.
Wenn Sie einen Klempner fragen, ob er Ihnen in Ihrem Flur eine Lampe installiert, wird er Sie ja auch an den Elektriker verweisen.